Positionspapier

Hier die Hinweise der Bürgerinitiative zum Bebauungsplan schiesshaus_info_blatt_3_a4_end_2.pdf

Im Folgenden ist die Position der Bürgerinitiative dargestellt. Stand: 20. November 2010
Dieses Papier wurde den zuständigen verantwortlichen Stellen in Kommune und Land zugesandt.

Bürgerinitiative „Rettet das Schießhausgelände jetzt !“
Bürgerschaftliches Engagement für ein Kulturdenkmal in Weimar

Rettung und denkmalgerechte Entwicklung des gesamten Schießhausgeländes und laufendes Bebauungsplanverfahren B SCHIE 03 „Das Schießhaus / Der Schützengarten“

Das Kulturdenkmal Schießhausgelände
Das Schießhausgelände stellt ein herausragendes, einmaliges und überörtlich bedeutsames Denkmal der bürgerlichen Stadt-, Bau- und Gartenkultur der Goethezeit und des Klassizismus dar. Es ist sichtbarer Teil von Weimars „Goldenem Zeitalter“ und der Zeit einer auch bürgerlichen Weimarer Klassik. Das Gelände war Treffpunkt und Vergnügungsort der bürgerlichen (und höfischen) Stadtgesellschaft bis in die neuere Zeit. Unter Mitwirkung des Großherzogs und unter maßgeblicher Beteiligung von Goethe wurde das Schießhausgebäude 1803-05 vom damaligen Schlossbaumeister Heinrich Gentz (1766-1811) entworfen. In bewusster Einfügung in und Nutzung von vorhandenen, gestalteten, zum Teil barocken Landschaftsstrukturen (höfisches Jagdrevier „Hölzgen“ mit barocker Allee - von Goethe als Allee mit „uralten Bäumen“ beschrieben -, stadtseitige Schießhauswiese/Festwiese und rückseitiger Schießgarten als offene Rasen-/Wiesenfläche und angrenzende Bürgergärten) und in großartiger architektonischer Ausrichtung des weitläufigen Wirkungsraumes auf die Stadt (Sicht zur und von der Stadt) und markanter Sicht von Tiefurt, ist das Denkmal in seiner wesentlichen Substanz, d.h. in seiner Fläche, Grund- und Hauptstruktur und Bausubstanz auch nach über 200 Jahren erhalten geblieben. Wesentlich sind der funktionale und gestalterische Zusammenhang zwischen dem Gebäude und den Freiflächen, die eine historische Einheit bilden, sowie die Bedeutung der stadtseitigen, großen Freifläche als Fest- und Wirkungsraum. Diese Architekturform sowie die Ergänzung durch Freiflächen und die städtebauliche Einordnung der Gesamtanlage stellen zudem ein frühes Beispiel der in die stadtnahe Landschaft eingefügten Festhallenarchitektur des 19. Jahrhunderts mit vermuteter Vorbildwirkung für weitere Bauten in Deutschland dar, so für den Festsaal des Kurhauses in Wiesbaden (1810).

Der Denkmalschutz
Das Schießhausgelände erfüllt in seiner städtebaulichen, künstlerischen und geschichtlichen Bedeutung die wesentlichen Denkmalkriterien nach § 2(1) ThürDSchG. Das Denkmal wurde bereits in die Denkmalliste in der Vorwendezeit eingetragen. Es ist seit 1992 unter der Bezeichnung „Schießhaus der Büchsenschützengesellschaft mit Freifläche“ denkmalgeschützt. Dieses flächenhafte Denkmal (Flur 23, Flurstück 11/6) umfasst 7,9 ha. Der Denkmalwert ist jetzt erneut durch die Denkmalbeschreibung in der Denkmaltopographie Weimar (zugleich Denkmalbuch i.S.v. §4 ThürDSchG) belegt, allerdings mit ungenügender Quellenlage und Würdigung der Freiflächen. Letzteres gilt auch für die aus 2007 vorliegende bauhistorische Untersuchung, die zudem keine baudenkmalpflegerische Zielstellung enthält. Somit fehlte bislang eine äquivalente gartenhistorische und gartendenkmalpflegerische Untersuchung mit gartendenkmalpflegerischer Zielstellung. (Das fachliche Anforderungsprofil hierfür ergibt sich aus den „Leitlinien zur Erstellung von Parkpflegewerken für Gartendenkmale“, herausgegeben vom Arbeitskreis Historische Gärten der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur; grundsätzlich anzuwenden auf alle Arten von grün bestimmten historischen Freiflächen). Auf Drängen der BI ließ die LEG kürzlich eine Gartenhistorische Untersuchung erarbeiten, allerdings ohne die notwendige gartendenkmalpflegerische Zielstellung.

Der Zustand und die Gefährdung des Kulturdenkmals durch Nichthandeln
Durch jahrelange denkmalschädliche Fehl- bzw. Nicht-Nutzung sowie unterlassene Bau- und Freiflächen-Instandhaltung und Pflege ist das Gebäude in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand und sind die Freiflächen stark verwildert (vor allem durch Gehölz-Sukzession; es handelt sich aber nicht, wie die Stadt Weimar offiziell erklärt, um eine „Brachfläche“). Der mangelhafte Zustand von Gebäude und Freiflächen mindert nicht deren Denkmalwert, er zeigt jedoch den erheblichen denkmalpflegerischen Handlungsbedarf. Durch denkmalgerechtes und zielorientiertes Handeln kann das Kulturdenkmal gesichert und dauerhaft erhalten werden. Seit diesem Herbst hat ein Investor begonnen, das Gebäude instand zu setzen und den Wildwuchs im unmittelbaren Gebäudeumfeld zu beseitigen. Am Zustand der weitläufigen Freiflächen hat sich allerdings nichts geändert.

Die Pflichten des Denkmal-Eigentümers nach dem Thüringer Denkmalschutzgesetz
Dem Freistaat Thüringen als de facto Eigentümer obliegt die Erhaltungspflicht für das Kulturdenkmal gemäß § 7 ThürDSchG. Statt dessen besteht aber die Absicht, durch einen Bebauungsplan Planungsrecht für Wohnbebauung auf der großen stadtseitigen Freifläche des Denkmals zu schaffen, es zu vermarkten („entwickeln“), zu parzellieren, zu privatisieren. Der Freistaat Thüringen beabsichtigt somit, - ungeachtet der finanziellen Stärkung der Kulturpolitik - sich seiner Verantwortung für dieses Kulturdenkmal zu entziehen und es unter Profitgesichtspunkten zu veräußern und damit den Restbestand nachhaltig zu entwerten und in seinem Fortbestand zu gefährden. Die Einheit von Schießhausgebäude und Schießhausfreifläche würde irreversibel zerstört. Eine soziokulturelle Nutzung des Schießhauses und der zugeordneten Freiflächen, unter Berücksichtigung der denkmalrechtlichen und denkmalpflegerischen Anforderungen, wäre bei Realisierung der geplanten Bebauung nicht mehr möglich.

Die städtebauliche Entwicklungsabsicht und das laufende Bebauungsplanverfahren
Die BI stellt fest, dass der Denkmalschutz die vorgesehene städtebauliche Nutzungsänderung („Allgemeines Wohngebiet“ für die westliche Freifläche und 80 Parkplätze direkt am Schießhaus) nach Art und Umfang nicht zulassen darf. Der Planungsträger Stadt Weimar verschweigt in der Bekanntmachung über die vorgezogene Beteiligung der Öffentlichkeit vom 28.01.2010, dass der gesamte Geltungsbereich des Bebauungsplans und damit auch die gesamte Freifläche des Flurstücks 11/6 unter Denkmalschutz steht. Statt dessen wird die denkmalgeschützte Freifläche irreführend und abwertend als „Brachfläche“ bezeichnet und wird als eines der Ziele „die Einbindung und Aufwertung des Denkmals Schießhaus“ genannt. Damit und auch mit der Kennzeichnung nur des Schießhausgebäudes (und nicht der Gesamtfläche von 7,9 ha) mit dem Symbol „D“ (was nach Planzeichenverordnung formal leider nicht zu beanstanden ist) muss beim uninformierten Betrachter der Eindruck entstehen, dass lediglich das Gebäude unter Denkmalschutz stünde. Zudem ist das erklärte öffentliche Interesse (Einfamilienhausbebauung) grundsätzlich infrage zu stellen und konkret auch nicht durch eine aktuelle, perspektivisch und demografisch orientierte Gesamtanalyse für Weimar nachgewiesen. Die BI geht von einer gegenteiligen Einschätzung aus. Zudem ist nicht bekannt, ob geeignete Alternativen für die Ausweisung von entsprechenden Wohngebieten im Stadtgebiet eingehend geprüft wurden. Der gültige Flächennutzungsplan Weimar (2003/2006) mit der Aussage „Wohnbaufläche“ ist insoweit nicht bindend, als dessen Änderung im Rahmen des B-Plan-Verfahrens (sog. Parallelverfahren nach § 8(3) BauGB) möglich ist. Denn es ist nicht auszuschließen, dass bei der Beschlussfassung über den F-Plan der Denkmalcharakter des gesamten Schießhausgeländes nicht bekannt bzw. nicht bewusst war. Der vorgelegte B-Plan-Entwurf baut auf unvollständigen und insoweit unzureichenden Grundlagen auf. Nach Information der Öffentlichkeit fehlen nach wie vor eine baudenkmalpflegerische Zielstellung, eine gartendenkmalpflegerische Zielstellung und eine daraus abgeleitete denkmalpflegerische Gesamtzielstellung für das Schießhausgelände. Die BI hatte dem OB Weimar im Februar ein Angebot für die zeitnahe und honorarfreie Erarbeitung einer hinreichend aussagefähigen, wissenschaftlichen gartenhistorisch-gartendenkmalpflegerischen Untersuchung mit denkmalpflegerischer Zielstellung gemacht. Dieses Angebot wurde abgelehnt. Zur Sicherung und denkmalgerechten Behandlung eines Kulturdenkmals ohne damit verbundene städtebauliche Nutzungsänderung bedarf es grundsätzlich keines Bebauungsplanes.

Die Missachtung von Ortssatzungen
Die Erhaltungssatzung der Stadt Weimar vom 02.09.1992 nennt als Geltungsbereich ausdrücklich auch das Schießhausgelände. Danach ist die städtebauliche Eigenart des Gebietes aufgrund von dessen städtebaulicher Gestalt zu erhalten und sind u.a. eine Nutzungsänderung sowie die Errichtung baulicher Anlagen grundsätzlich nicht möglich. Der BI ist nicht bekannt, dass der Stadtrat diese Ortssatzung hinsichtlich Schießhausgelände außer Kraft gesetzt hätte. Auch würden Bedenken bestehen, wenn sich der Planungsträger Stadt Weimar in diesem Fall eine Ausnahmegenehmigung selbst erteilen würde Die Gestaltungssatzung der Stadt Weimar vom 24.11.1993 soll gleichfalls dem Schutz historischer Strukturen dienen, sie schließt im Geltungsbereich das Schießhausgelände ausdrücklich ein.

Die Gefährdung und drohende Zerstörung von Denkmalsubstanz durch städtebauliche Planung
Der beabsichtigte Bebauungsplan mit weitgehender Überbauung des stadtseitigen Wirkungsraumes mit 34 Stadtvillen würde zur weiteren Zerstörung überkommener historischer Strukturen führen. Eine qualifizierte denkmalfachliche Bestandsaufnahme historischer Substanz der Freiflächen wurde nach Kenntnis der BI nicht durchgeführt. Bekannt wurde hingegen, dass 58 (!) große, der städtischen Baumschutzsatzung entsprechende Bäume und damit wohl die restlichen historischen Bäume gefällt werden müssten (deren ideeller, gartenkünstlerischer und ökologischer Wert lässt sich durch Neupflanzungen nicht ausgleichen !). Das wird am Beispiel der historischen Allee deutlich, deren Rest wohl der Bebauung geopfert werden soll, statt sie denkmalgerecht zu revitalisieren.

Die Zerstörung von Denkmalqualität und Denkmalwirkung, Umgebungsschutz
Der seit der Entstehungszeit hervorgehobene und offensichtlich bis in die neuere Zeit bestehende stadträumliche Zusammenhang (Wirkungsraum in Gebäudeachse und Blickbeziehung zur und von der Stadt) wurde mit der Wohnbebauung Amalienhöhe im Jahr 1996 (!) empfindlich gestört, er würde durch die vorgesehene Wohnbebauung auf der stadtseitigen Freifläche des Schießhausgeländes erneut schwer geschädigt oder ganz zerstört. Das Schießhausgebäude würde seines historischen und die architektonische Wirkung konstituierenden Wertes beraubt. Auch wurde mit der Bebauung Amalienhöhe der sog. Umgebungsschutz nach § 13(1)2 ThürDSchG nicht beachtet. Der Umgebungsschutz gilt ab der Außengrenze des denkmalgeschützten Flurstücks 11/6.

Denkmalpflegerische Gesamtlösung
Notwendig ist eine denkmalpflegerische Gesamtlösung für die Sicherung, Instandsetzung und Nutzung dieses bedeutenden Kulturdenkmals. Ohne dauerhafte Erhaltung des Schießhausgebäudes machen Festwiese und Schießhausgarten (Freiflächen) keinen Sinn, und das gilt auch umgekehrt ! In diesem Rahmen ist eine denkmalgerechte städtebauliche Lösung zu entwickeln und zu realisieren.

Öffentlichkeitsarbeit
In der Öffentlichkeit sollte das Denkmalbewusstsein für das Schießhausgelände gefördert werden, da dieser Ort durch die lange Zeit der nichtöffentlichen Nutzung, der Nichtnutzung und der Nichtpflege nur wenig bekannt ist. Diesem Ziel diente auch der (abgelehnte) Vorschlag der BI, das Schießhausgelände zum „Tag des offenen Denkmals 2010“ zu öffnen und zu erläutern. Die BI führte darauf hin eine eigene Informationsveranstaltung am Schießhausgebäude durch, die auf großes Interesse stieß. Im Interesse eines offenen Planungsprozesses sollte die Öffentlichkeit über alle vorliegenden Erkenntnisse und städtebaulichen Absichten frühzeitig informiert werden.

Die Bürgerinitiative erwartet :
vom Freistaat Thüringen:
- dass er seiner kulturpolitischen Verantwortung und seinem gesetzlichen Auftrag findet

von der Landesentwicklungsgesellschaft - LEG:
- denkmalgerechte Grundpflege der Freiflächen nach gartendenkmalpflegerischer Zielstellung (Erhaltung historischer Substanz, Verkehrssicherheit, öffentlicher Zugang
- Gestattung von und Engagement für zustandsgerechte Zwischennutzungen für die Freiflächen

von der Stadt Weimar:
- dass der eindeutige Denkmalschutzstatus der Gesamtanlage Flurstück 11/6 nicht bezweifelt oder negiert wird,
- in Ergänzung zur vorliegenden bauhistorischen Untersuchung eine baudenkmalpflegerische Zielstellung erarbeitet wird,
- in Ergänzung zur vorliegenden gartenhistorischen Untersuchung eine gartendenkmalpflegerischer Zielstellung erarbeitet und unter den Gesichtspunkten von Denkmalschutz, Denkmalpflege sowie Planung und Entwicklung gewürdigt wird,
- die vorliegenden und noch zu veranlassende Untersuchungen sowie die vorliegenden Stellungnahmen der Träger öffentlicher Belange jetzt zur Einsichtnahme offen zu legen,
- mit der Bürgerinitiative und anderen interessierten Gruppen sowie unter Beteiligung der LEG in einen offenen Dialog einzutreten (offener Planungsprozess),
- falls wesentliche Erkenntnisse bislang nicht berücksichtigt wurden bzw. falls neue Erkenntnisse gewonnen werden, die Träger öffentlicher Belange erneut zu beteiligen,
- vor der Offenlage des B-Plans nach BauGB alle Untersuchungen, Stellungnahmen und Gesprächsergebnisse zu würdigen

Die Bürgerinitiative bietet aktive Unterstützung an:

- sachkundige Bürgerinnen und Bürger als kompetente Gesprächspartner für die Entscheidungsträger,
- eine baudenkmalpflegerische Zielstellung,
- eine gartendenkmalpflegerischer Zielstellung,
- ein gartendenkmalpflegerisches Konzept für die denkmalgerechte Grundpflege der Freiflächen (sobald die v.g. Zielstellung vorliegt)
- Vorschläge für denkmalverträgliche Nutzungen für die Freiflächen des Schießhausgeländes - Informationen für die Öffentlichkeit und Werbung für das Schießhausgelände, u.a. durch Veranstaltungen, Ausstellung, Vorträge
eine Veranstaltung zum „Tag des offenen Denkmals 2010“

Die Bürgerinitiative will nicht:

- jedwede städtebauliche und bauliche Entwicklung verhindern,
- den Bebauungsplan verhindern

… sie will:

sich für einen denkmalverträglichen Kompromiss zwischen der denkmalschädlichen Bebauungsabsicht der Stadt und einem denkmalgerechten Idealkonzept für die Erhaltung und Entwicklung des Schießhausgeländes einsetzen

Hinweis
Diese Erklärung erfolgt im Vorfeld der nach BauGB vorgeschriebenen Offenlage des Bebauungsplans. Sie stellt daher noch nicht die im Rahmen dieser Frist mögliche Stellungnahme dar.

Sobald die aktuellen Absichten der Stadt mit der Offenlage des B-Plans bekannt sind, wird die BI den o.g. Kompromissvorschlag der Öffentlichkeit erläutern können.
Bitte unterstützen Sie den Aufruf der Bürgerinitiative. Dies können Sie mithilfe einer E-Mail, in welcher Sie mit einem kurzen Satz bestätigen, dass Sie sich den Forderungen der BI, wie sie im Aufruf der BI vom 27.10.2010 formuliert sind, anschließen.


Blecken, 20.11.10

Bei der Bewahrung des Kulturdenkmals und der erhaltenswerten Bäume auf dem Schießhausgelände bitten wir Sie, uns zu unterstützen.

oder nutzen Sie bitte unser Kontaktformular:

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Zuletzt geändert: 2017/07/03 07:27