Bedeutung
Bürgerschaftliches Engagement für das mehrfach geschützte Schießhausgelände mit dem Schießhaus der Weimarer Büchsenschützengesellschaft Am Schießhaus 1, 99425 Weimar, Gemarkung Weimar, Flur 23, Flurstück 11/6


Jürgen Beyer

Zur Geschichte und Bedeutung des Schießhauses und seiner Freianlagen (20. Februar 2011)

Wegen seiner Nutzung als Einrichtung der Volkspolizei, hinter Betonmauern versteckt, war das Zentrum städtischer Geselligkeit der Goethezeit seit Jahrzehnten aus dem Blickfeld der Weimarer Bevölkerung ebenso entrückt, wie es auch dem Blick der bau- und kulturhistorischen Forschung entzogen war, weshalb es bisher keine entsprechenden neueren Untersuchungen gibt. Prof. Rolf Bothe resümiert in einem Brief vom 27. 12. 2010 an den Verfasser: „ Das Schießhaus ist eine Inkunabel des deutschen Klassizismus, wenn auch vernachlässigt und daher viel zu wenig bekannt.“

Im Jahre 1786 erbat Herzog Carl August von der Stadt das Gelände der Büchsenschützengesellschaft südlich des Welschen Gartens, heute zwischen Liszthaus und künstlicher Ruine gelegen, um die Erweiterung der Parkanlagen oberhalb der Ilm vorantreiben zu können. Der dabei vereinbarte Ersatz eines neuen Geländes kam nicht zustande, da die Aktivitäten der Büchsenschützengesellschaft fast völlig zum Erliegen gekommen waren. Erst im Jahre 1802 begannen zwischen dem Stadtrat und der herzoglichen Regierung die Verhandlungen über ein neues Grundstück, die sich bis 1803 hinzogen. Im Ergebnis dieser Verhandlungen erhielt die Stadt ein Gelände vor dem Kegeltor, das in der Größe das bisherige Grundstück weit übertraf.

Carl August stellte aus herzoglichem Besitz das sogenannte Hölzchen, die Hölzchenwiese an der Ilm im Bereich des heutigen Hundesportplatzes und die fürstlichen Äcker zwischen Hölzchen, Tiefurter Allee und Webicht zur Verfügung. Außerdem wurden die Bürgeräcker im Anschluss an das Hölzchen in Richtung Tiefurt dazu erworben. Dieses riesige Terrain von der Größe der Altstadt Weimars, das von der Ilm bis zur Tiefurter Allee und von der heutigen westlichen Grenze des Schießhausgeländes bis weit über die heutige Weimar-Gera Bahnlinie reichte, sollte nicht nur einen opulenten Platz für das neue Schießhaus und seine Freianlagen bieten, sondern auch der Stadt die Möglichkeit geben, durch Verpachtung und Bewirtschaftung von Gärten und Obstanlagen ihre finanzielle Situation aufzubessern.

Dieses großzügige Geschenk des Herzogs war verbunden mit der Forderung, den Entwurf für das neue Gebäude, das weit mehr als ein Vereinshaus werden sollte, durch den im Dienst des Herzogs stehenden preußischen Architekten Heinrich Gentz erstellen und vom Herzog genehmigen zu lassen. Heinrich Gentz, seit 1800 in Weimar tätig, beendete in jenen Monaten den Ausbau des Residenzschlosses, dessen Innenräume zu den Glanzleistungen des deutschen Hochklassizismus zählen.

Weiterhin forderte Carl August von der Stadt die noch vorhandenen Teile der Stadtbefestigung ein, insbesondere die Torbauten und die sogenannten Ratsteiche in den ehemaligen Wallanlagen, um die Stadterweiterung vorantreiben zu können. Während die Stadt den Bau des Schießhauses allein zu tragen hatte, übernahm der Herzog die Kosten für den gleichzeitigen Umbau des Stadthauses.



Im April 1803 erhielt Goethe vom Herzog den Auftrag, die Planung für das Schießhaus zu koordinieren. Goethe verwarf die vom städtischen Architekten Schlüter im Auftrag des Herzogs vorab gefertigten Pläne und beauftragte danach, wie ursprünglich vorgesehen, Heinrich Gentz mit der Anfertigung des Entwurfes. Erst unmittelbar nach Abschluss der Schlossbauarbeiten konnte Gentz Anfang August 1803 den Entwurf Goethe vorlegen, der ihn unverzüglich bestätigte und zur Ausführung bestimmte. Goethe hatte aber auch den Auftrag erhalten, persönlich einen Geländeplan zu erarbeiten, der die Lage des Gebäudes und die Aufteilung des großen Areals zum Inhalt hatte.
Es war ein glücklicher Umstand, dass im Zuge der jetzt durchgeführten Recherchen, dieser Plan aus Goethes Besitz identifiziert werden konnte, zumal alle anderen originalen Bauzeichnungen verloren gegangen sind.

Das Schießhaus wurde so angelegt, dass die am Hölzchen gelegene „uralte vierfache Lindenallee“ den Bezugspunkt bildete. Ein Flügel wurde darauf orientiert und das ganze Gebäude dazu rechtwinklig angeordnet und zwar in der Form, dass es sich mit seinen halbkreisförmigen Arkadenflügeln nach Westen zur Stadt und zum Freiraum öffnete und nach Osten mit einer großflächig verglasten Loggia, die den Blick in die Weite des Ilmtals nach Tiefurt, dem Tiefurter Park und bis zum kleinen Ettersberg ermöglichte.

Der im Goetheschen Plan angegebene Sichtfächer, die Eintragung von Sichtachsen auf das Schießhaus im Tiefurter Parkplan von Hensoldt aus dem Jahre 1844, der kolorierte Stich von Lobe von 1828, der die Sicht in der Nähe vom Vergilgrab über Tiefurt nach Weimar mit dem Blick auf das Schießhaus zeigt und spätere Beschreibungen belegen die gezielte Platzierung der neuen Anlage im Gelände und ihre Einbindung in die Landschaft. Auf dem Stich von Lobe erscheint das Schießhaus als hell strahlender Bau, gleich einem Schloss, als bürgerliches Belvedere weithin sichtbar auf der Höhe. Die ältere Gartenanlage im Hölzchen mit ihren Alleen und Plätzen und die vierfache Lindenallee, ein Baumsaal, bei dem die Baumkronen ein geschlossenes Laubdach bilden, im Jahre 1804 erneuert, wurden als schattiger Aufenthalts- und Flanierraum übernommen. Die ehemaligen fürstlichen Äcker sollten als Gemüse- und Obstgärten genutzt und verpachtet werden. Ein Weg, die heutige Straße „Am Schießhaus“, erschloss diese Gärten. Die Gärten nördlich des Weges wurden so angeordnet, dass die Mitte zwischen den Flügelbauten des Schießhauses freiblieb. Die südlich gelegenen Gärten reichten bis an die Tiefurter Allee. In der Folge wurde von der Stadt auf der nördlichen Fläche eine Kirschplantage angelegt, auf der südlichen Gartenfläche entwickelten sich später die Gartenarbeitsschule und die erste Kleingartenanlage Weimars. Die neue Schießanlage mit Schießloge, Kugelfang und Vogelstange wurde auf dem leicht abfallenden Gelände hinter dem Schießhaus angeordnet. Im Umfeld des Gebäudes entstanden mehrere Kegelbahnen und ein kleiner Musikpavillon.

Goethes Teilnahme und Anteilnahme an der Entstehung des Schießhauses und seiner Anlagen wird eindrucksvoll dokumentiert durch den ausführlichen Bericht in seiner autobiographischen Schrift der Tag- und Jahreshefte und durch seine Tagebucheintragungen in den Monaten August und September 1803. Nicht nur, dass er die Planung koordinierte und den Geländeplan entwarf, er sorgte sogar selbst für die Absteckung im Gelände und beobachtete die Erschließung und den Baubeginn. Es scheint so, dass er weit über den Auftrag des Herzogs hinaus an dem Vorhaben Anteil nahm. Auf dem neu erschlossenen Gelände entstand ein Stück seiner eigenen Vision Der Bau wurde von 1803-1805 ausgeführt und im Juli 1805 eingeweiht. Die Kosten überstiegen, nicht zuletzt wegen eines Brandes im Januar 1805, mit über 40 000 Taler weit die ursprünglich geschätzte Summe.

Aber die Stadt hatte auch mehr geschaffen als ursprünglich vorgenommen. Die neue Anlage war weit mehr als ein Vereinshaus der Büchsenschützengesellschaft und mit der aufgegebenen Anlage am Welschen Garten überhaupt nicht zu vergleichen, weder in der Größe noch im Anspruch. Es war ein geselliges Zentrum der Stadt entstanden, das es in dieser Form vorher nicht gegeben hatte, und das in der Komplexität der Nutzungen nur mit dem späteren Volkspark im Asbachtal mit Weimarhalle, Park, Schwanseebad, Festplatz und Stadion zu vergleichen ist, dessen Vorläufer es in der Zeit der Weimarer Klassik war.

Das jährliche über drei Wochen dauernde Volksfest des Vogelschießens, an dem auch der Hof teilnahm, war sicher Anlass zum Bau und Hauptattraktion der fertigen Anlage. Darüber hinaus standen der Saal mit rund 300 Plätzen, ein gesonderter Bankettsaal, eine Gastwirtschaft mit zwei Gasträumen, Vereins- und Gesellschaftsräume und ein Spielzimmer für Billard, Glücks- und andere Spiele zur Verfügung. Konzerte, Tanzveranstaltungen, festliche Bankette, ab Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts Blumen- und Pflanzenausstellungen und Turn- und Spieleinrichtungen für Kinder und Jugendliche kennzeichnen das Profil der Einrichtung. Hinzu kommt die Nutzung der Freianlagen als stadtnaher Erholungsraum.

Damit entsprach die Anlage der im Zeitalter der Aufklärung geforderten und durch die „Revolution von oben“ umgesetzten Annäherung der Stände, die durch die Anlage von Volksgärten und Vergnügungseinrichtungen gefördert werden sollten.Dies wird durch Schriften des Gartentheoretikers Ch. C. L.Hirschfeld von 1785, durch den Stadtreformer J. P. Willebrandt 1775 und den Architekten Milizia von 1788 und weiteren theoretisch vorbereitet. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts öffnen reformfreudige Herrscher wie Kaiser Joseph II und König Friedrich II ihre Gärten und gestalten sie zu Volksgärten um, so in Wien im Prater und Augarten und in Berlin im Tiergarten. Später folgen andere Fürsten und Städte diesem Beispiel. In diesen Gärten werden ältere Gartengestaltungen, insbesondere die zum Flanieren angelegten, meist vierreihigen Baumalleen übernommen oder ebensolche neu angelegt. Nach Hirschfelds Auffassung sind diese breiten Alleen für eine große Volksmenge besser geeignet als die gewundenen Wege im englischen Landschaftspark. Außerdem sind auch Aufsicht und Ordnung in einer regelmäßigen Anlage besser zu gewährleisten. Es ist bezeichnend, dass genau diese Forderungen die ältere Gartenanlage im Hölzchen und die vierfache Lindenallee erfüllten und deshalb wohl auch keine Veränderung erfuhren.

Auch das Nutzungsprogramm des Schießhauses folgt den in den Schriften genannten Anforderungen an Gesellschaftshäuser und Vergnügungseinrichtungen. Nirgendwo gab es aber in dieser Zeit eine so qualitativ hochwertige und hochmoderne architektonische Lösung für diese Bauaufgabe wie in Weimar, ganz abgesehen von der Größe, setzt man sie mit der Einwohnerzahl der Stadt ins Verhältnis.

Die Gesamtanlage des Schießhauses lehnt sich eng an Palladios Landvillen in Venetien mit ihren sogenannten Barchessen an, jene schattengebenden Arkaden- oder Kolonadenflügel, die den Hauptbau mit den Nebengebäuden verbinden. Wie diese Villen ist das Schießhaus ins Gelände und in die Landschaft eingefügt worden. Goethe benennt ganz klar die Einheit von Bauwerk und Umgebung: „ein ländliches Gebäude soll die Gegend zieren und wird von ihr geziert“.



Ungewöhnlich ist die von Gentz gewählte Form des Saales. Er wiederholt nicht den gerade fertiggestellten säulenumstandenen und flachgedeckten Festsaal des Residenzschlosses. Aufbauend auf dem Grundriss einer römisch-antiken dreischiffigen Basilika, uns aus dem mittelalterlichen Sakralbau geläufig, überwölbt er das Mittelschiff mit einem auf Holzschalung geputzten Tonnengewölbe. An die Stelle der antiken Apsis setzt er eine großflächig verglaste und überwölbte Loggia, die den erwähnten Blick in die weite Landschaft freigibt. Mit der durchfensterten Apsis im Osten und dem riesigen Halbkreissprossenfenster im Westen gelingt Gentz eine geradezu meisterhafte Lichtregie.

Der von Gentz gewählte Saaltypus schließt an die damals aktuelle Entwicklung Frankreichs an. Im 18. Jahrhundert wurde die Saalform auf dem Grundriss der dreischiffigen Basilika mit der Überwölbung des Mittelschiffs zum vorherrschenden Muster nicht nur für Kirchenbauten, sondern auch für große Säle in öffentlichen Gebäuden wie Akademien, Museen, Justiz- und Marktanlagen, wie sie in unzähligen Entwürfen der Akademiewettbewerbe durchexerziert wurde. Bei den Akademieentwürfen für Börsen wurde das große Halbkreisfenster zum dominierenden Gestaltungselement der Giebelfassaden. Diese Fenster belichten den überwölbten Raum und zeigen gleichzeitig die Tonnenwölbung an der Fassade an, so wie es erstmals überzeugend beim Bau der Petersburger Börse nach dem Entwurf des Franzosen Thomas de Thomon 1804-1816 umgesetzt wurde. Das moderne funktionale Denken durchdrang den gesamten Entwurf vom Grundriss über die Konstruktion bis zur Gestaltung, führte zur Geometrisierung des Grundrisses und zu klaren Baukörpern.

Dieser Entwicklung sehr verwandt, fast gleichzeitig wie der berühmte Petersburger Bau, entstand der Saal im Weimarer Schießhaus. Es ist bezeichnend, wie Gentz die Vorbilder der andersartigen Bauaufgabe und den Weimarer Verhältnissen anverwandelt hat. Kühner als alle anderen Entwürfe der Zeit setzte er das Halbkreisfenster in die sonst schmucklose Saalfassade. Die bereits mehrfach genannte Verwandlung der Apsis zu einem Lichtraum ist seine ganz eigenständige Leistung. Zusammen mit der ursprünglich ausgeführten filigranen Bemalung und der Raumbelichtung wurde die gewünschte Festlichkeit erzielt, ohne kostbare und teure Materialien einzusetzen.

Der Schießhaus-Saal ist Etienne-Louis Boullees visionärem Bibliotheksentwurf von 1785, einem der bekanntesten Beispiele der sogenannten Revolutionsarchitektur, sehr nahe. Der Blick im tonnenüberwölbtem Raum auf das monumentale Halbrundfenster entspricht Boullees Raumperspektive seiner „Kathedrale des Wissens“, die in einem Lichtraum aufgeht. Mit dem Festsaal des Schießhauses hat Gentz etwas Einmaliges, Großes geschaffen. Es gibt nichts Vergleichbares in dieser Zeit. Wie konnte es geschehen, dass dieser Wert nicht erkannt wurde, dass man von regionaler Bedeutung spricht, wo es doch eine europäische ist.

Über den Entwurf hinaus erhält das Schießhaus seine Bedeutung durch die Mitwirkung Goethes, dem es im Verein mit dem Herzog wie bei vielen anderen Unternehmungen darum ging, Mustergültiges zu schaffen. Wenn Goethe am Schluss seiner Beschreibung des Schießhauses als einzigen Wertmaßstab neben Anstrengung, Zeit und Geld, die künstlerische Aussagekraft ins Zentrum rückt, so ist dies die Aufforderung, die Gesamtanlage in ihrer Einheit von Gebäude und Umfeld in ursprünglicher Qualität wiederherzustellen. Man stelle sich nur Palladios Villen ohne das ländliche Umfeld vor, die Villa Rotonda eingeschlossen von modernen Wohnbauten oder das Römische Haus ohne den Park an der Ilm.

„Wie mit ausgebreiteten Armen wird der von der Stadt heraufsteigende, in schöner mehrreihiger Allee sich Nahende begrüßt. Ein Eindruck ländlich heiterer Gastlichkeit geht von dem Ganzen aus und ladet zum freundlichen Verweilen ein.“ Diese Schilderung von Adolph Doebber in seiner Gentz-Monographie von 1916 könnte ein Motto für die bevorstehende Revitalisierung des Denkmals Schießhaus und seiner Freianlagen werden.

Den vollständigen Text finden Sie in
„Das Schießhaus in Weimar - Ein bedeutendes Zeugnis der Stadtkultur um 1800“
Weimar-Jena : Die große Stadt, 4/3 (2011) S. 173-197, Verlag Vopelius,www.verlagvopelius.eu

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Zuletzt geändert: 2017/07/03 05:28